PAL: Perspektiven in der Amerikanischen Literatur – Ein Forschungs- und Quellenführer – Ein andauerndes Projekt

PAL: Perspectives in American Literature – A Research and Reference Guide – An Ongoing Project
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Translated by Valeria Aleksandrova

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Kapitel 6: Amerikanischer Naturalismus: Eine kurze Einführung

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Zwei Ansätze zum Konzept des Naturalismus (aus: Pizer, Realism and Naturalism in Nineteenth-Century American Literature. Carbondale: Southern Illinois UP, 1966.)

1. Er ist eine Erweiterung oder Fortführung des Realismus mit dem Zusatz des pessimistischen Determinismus’.

„…nicht mehr als eine nachdrückliche und explizite philosophische Position, die von einigen Realisten eingenommen wird … (diese Position ist wie) ein pessimistischer, materialistischer Determinismus.“ – George J. Becker

Es ist Realismus mit einer „Nötigungsideologie“. – Richard Chase

2. Er unterscheidet sich vom Realismus.

Gegenstand und Charakterisierung in der naturalistischen Fiktion

Donald Pizer empfiehlt weiterhin spezifische Änderungen in der Thematik/dem Gegenstand und der Charakterisierung, welche dabei helfen, den Naturalismus als unterschiedlich vom Realismus zu definieren:

1. Der Gegenstand/Die Thematik

a. Der Gegenstand behandelt solche rauen und unangenehmen Ereignisse, die den Charakter in seinem Überlebenskampf auf „degradierendes“ Verhalten reduzieren. Diese Charaktere stammen mehrheitlich aus der unteren Mittelschicht oder den unteren Schichten – sie sind arm, ungebildet und schlicht.

b. Das Milieu ist das Gewöhnliche und das Unheroische; das Leben ist gewöhnlich der trübe Rundgang täglichen Daseins. Doch der Naturalist entdeckt in diesen Charakteren solche Qualitäten, welche normalerweise mit dem Heldenhaften, Abenteuerlustigen verbunden werden – Handlungen der Gewalt und Leidenschaft, die zu verzweifelten Momenten und gewaltsamen Toden führen.

c. Die Diskussion von Schicksal und „Hybris“ betrifft einen Charakter; gewöhnlich dienen als kontrollierende Macht die Gesellschaft und die umgebende Umwelt.

2. Das Konzept eines naturalistischen Charakters:

a. Charaktere werden von der Umgebung, Vererbung, Gelegenheit oder dem Instinkt geprägt und kontrolliert; doch sie besitzen kompensierende humanistische Werte, welche ihre Individualität und ihr Leben bejahen. Ihr Kampf ums Überleben wird heldenhaft und sie besitzen menschliche Würde.

b. Die Naturalisten versuchen, die Vermischung der kontrollierenden Kräfte und des individuellen Wertes im Leben darzustellen. Sie entmenschlichen ihre Charaktere nicht.

„Das Hauptziel der amerikanischen Naturalisten des späten 19. Jahrhunderts war nicht, die überwältigende und erdrückende Realität der materiellen Kräfte, die in unserem Leben präsent sind, zu demonstrieren. Ihr Ansatz war eher, die Vermischung der kontrollierenden Kräfte und des individuellen Wertes im Leben darzustellen. Die Naturalisten entmenschlichen den Menschen nicht.“ – Pizer

Frank Norris über den Naturalismus

Nach dem Autor Frank Norris war der Realismus die Literatur des Normalen und des Repräsentativen – „die kleineren Details des täglichen Lebens, Dinge, die zwischen Mittagessen und Abendbrot passieren.“

Die Romantik befasste sich, Norris zufolge, mit „Abweichungen vom Typus’ des normalen Lebens“ und mit dem Bedürfnis, unter die Erfahrungsoberfläche zu dringen und große Generalisierungen über das Wesen des Lebens abzuleiten. Sie erforscht „die Abgründe des menschlichen Herzens und das Mysterium des Sex’, die Probleme des Lebens und das unerforschte Innerste der Seele des Menschen.“

Der Naturalismus abstrahiert das Beste aus dem Realismus und der Romantik – detaillierte Genauigkeit und philosophische Tiefe. Auch ist im Naturalismus die Wahl des Milieus wichtig.

„Dass Zolas [Schreiben, Anm. d. Übers.] nicht rein romantisch ist wie Hugos, liegt hauptsächlich in der Wahl des Milieus. Diese großen, schrecklichen Dramen geschehen nicht länger innerhalb der Besetzung eines feudalen und Renaissance-Adelsgeschlechtes, derer also, die die Spitze einer marschierenden Welt darstellen, sondern innerhalb der unteren – beinahe der untersten – Klassen; derer, die am Straßenrand fallen. Die ist keine Romantik – dieses Drama derer, die sich in Blut und Dreck abarbeiten. Es ist kein Realismus. Es ist eine eigene Schule, einzigartig, düster, kraftvoll über Worte hinaus.“ Es ist Naturalismus.“ – Norris, „Zola as a Romantic Writer“.

Lars Ahnebrink über den Naturalismus

Anders als ein Realist, glaubt ein Naturalist, dass ein Charakter im Grunde ein Tier ist, ohne jeden freien Willen. Für einen naturalistischen Autor kann ein Charakter durch die Kräfte, die auf ihn wirken – gewöhnlich Vererbung und Umwelt – erklärt werden.

„Realismus ist eine Art und Methode der Komposition, durch die der Autor normales, durchschnittliches Leben in akkurater, wahrheitsgemäßer Weise beschreibt.“

„Naturalismus ist einer Art und Methode der Komposition, durch die der Autor das ‘Leben wie es ist’ in Übereinstimmung mit der philosophischen Theorie des Determinismus porträtiert.

Die Naturalisten führten neue Themen ein und trugen dazu bei, den Handlungsspielraum amerikanischer Prosaliteratur zu erweitern.

Prostitution und Verführung – in Maggie, Vandover and the Brute, The Octopus und Sister Carrie.

Die Offenlegung sozialer Umstände und sozialer Übel – Main-Travelled Roads, A Spoil of Office,A Member of the Third House, McTeague und The Octopus.



Freier Wille oder Determinismus -

Im Naturalismus besitzen die Charaktere keinen freien Willen; externe und interne Kräfte, die Umwelt oder Vererbung kontrollieren ihr Verhalten. Alle Deterministen glauben an die Existenz des Willens, doch er wird oft ob verschiedener Gründe verklavt.

Studienfragen

Diskutiere eine der folgenden Gruppen von Arbeiten mit dem Ziel, die Unterschiede zwischen regionalistischen, realistischen und naturalistischen Autoren zu erklären: (a) Freemans “A New England Nun,” James’ Daisy Miller und Dreisers “Old Rogaum and His Theresa”; (b) Jewetts “The Foreigner,” Whartons Ethan Frome und Cranes “The Blue Hotel”; und (c) Austins “The Walking Woman,” Howells “Editha,” und Cranes “The Bride Comes to Yellow Sky.”

Kritiker der Jahrhundertwende benutzten den Ausdruck „neue Realisten“, um die Werke der Naturalisten Crane, Dreiser, Norris und London zu beschreiben. Wähle ein fiktionales Werk von einem der Autoren aus und wäge die Genauigkeit des Ausdrucks ab. Basierend auf deiner Analyse, würdest du den Naturalismus als neues Genre identifizieren oder als Weiterentwicklung (ein „neuer“ Realismus)? (Studenten, die sich für französische Literatur interessieren, können einen vergleichenden Aufsatz über einen Roman von Zola und einen der amerikanischen realistischen oder naturalistischen Texte schreiben, oder einige von Zolas eigenen literarischen Statements erforschen und diese im Licht von Statements und Vorworten von Howell und James evaluieren. Oder einen Roman von Flaubert lesen und den Fokus auf Verbindungen zwischen Flaubert und James legen).

Ob in Erwartung oder im generellen Klima von Freuds Die Traumdeutung (1900), behandelten einige Autoren der Periode 1865-1914 die Sexualität. Analysiere sexuelle Bildlichkeit oder die Einstellung gegenüber Sexualität in einigen der folgenden Werke: Howells’ “Editha,” James’ “The Turn of the Screw,” Jewetts “A White Heron,” Chopins The Awakening, “At the ‘Cadian Ball,” oder “The Storm,” Freemans “A New England Nun,” und Whartons Ethan Frome.



MLA-Zitierweise auf dieser Seite:

Reuben, Paul P. “Chapter 6: American Naturalism – A Brief Introduction.” PAL: Perspectives in American Literature- A Research and Reference Guide. URL: http://www.csustan.edu/english/reuben/pal/chap6/6intro.html (gib das Seitendatum oder das Datum deines Logins an)